Ulrich
van Aaken

Festivals

Saale Zeitung Bad Kissingen, 3.7.2003

Aus der Karibik in den Konzertsaal

Andrei Gavrilov braucht noch ein bisschen Zeit

Gavrilov

Klavierbaumeister Ulrich van Aaken schaute lieber gleich nach dem Konzert noch einmal nach, ob das Instrument heilgeblieben war. Andrei Gavrilov hatte wieder einmal recht getobt.

Bad Kissingen (ta) Die Biographie des Moskauer Pianisten Andrei Gavrilov war eigentlich immer eine Geschichte des Erfolgs gewesen, auch wenn die Politik ihm manchen Strich durch die Rechnung machen wollte. 1974 gewann er den Tschaikowsky-Wettbewerb, was damals noch keine Kunst war, weil die wahre Jury des Wettbewerbs im Zentralkomitee der KPdSU saß. Aber seine weitere Karriere rechtfertigte nachträglich die Entscheidung. Er feierte rasch große internationale Erfolge, er sprang in Salzburg sensationell für den erkrankten Svjatoslav Richter ein, der sein Mentor wurde. Eine Zäsur, aber keinen Bruch in der Karriere bedeutete eine Zwangspause für Auftritte im Ausland, die ihm aus politischen Gründen zwischen 1980 und 1984 verordnet worden war: Der Querdenker war nicht genehm.

Aber 1996 endete seine Künstlerbiographie abrupt. Offenbar war ihm der ganze Betrieb ein wenig über den Kopf gewachsen. Er nahm eine Auszeit von sieben Jahren, um sich auf eine Insel in der Karibik zurückzuziehen und »mit Gott zu reden«. Jetzt ist er wieder zurück, hat das Konzertieren wieder aufgenommen, aber er ist noch nicht ganz da; die lange Pause ist nicht zu überhören. Er ist noch nicht wieder der Alte, die Musik ist noch nicht wieder in ihm drin.

So musste er nach jedem der fünf Nocturnes und Etüden von Frederic Chopin durch Aufstehen Applaus provozieren, um das Podium verlassen und in der Garderobe in die Noten schauen zu können. Was darunter litt, war seine Konzentration, was die Ergebnisse auch nicht verbesserte. Zum anderen gelang ihm nicht die Umsetzung dessen, was er durchaus erkennbar vorhatte: eine Klangbildung mit einem Minimum an Anschlag. Viele Töne kamen viel zu leise, manche kamen überhaupt nicht. Seine Gegenreaktion war eine Flucht ins Pedal und ins Donnern. Dadurch wurde Chopins Musik nicht mehr durchhörbar — sofern sie von ihm war; denn an einigen Stellen musste Gavrilov trotz des regen Kontaktes mit seinen Noten improvisieren.

Noch weniger ansprechend geriet ihm Maurice Ravels »Gaspard de la nuit«. Den hatte er überhaupt noch nicht in den Fingern. Und auch nicht im Kopf. Zum Teil ließ er ganze Passagen weg, zum Teil überspielte er Lücken. Und die Interpretation war auch noch nicht durchdacht: In Akkorden gab es keine Leittöne und die dynamisch-agogische Gestaltung war trotz mancher Lautstärke recht flach.

Wesentlich besser war Andrei Gavrilov nach der Pause bei Sergej Prokofieffs »Romeo und Julia«-Suite. Da hatte er nicht nur klare Vorstellungen, sondern da konnte er auch, weitestgehend dem Text entsprechend, umsetzen. Da hatte er plötzlich nicht mehr das gnadenlose Donnern zur Vertuschung nötig, sondern nur noch als Gestaltungsmittel, da sank der Pedalgebrauch dramatisch. Dafür entwickelte Gavrilov wunderbare Stimmungen und Kontraste. Auch wenn er den schönsten verschenkte zwischen »Montagues und Capulets« und »Pater Lorenzo«, weil er selbst da plötzlich in der Garderobe in die Noten schauen musste.

Andrei Gavrilov braucht noch etwas Zeit, um wieder der Alte zu werden. Es ist ihm zu wünschen, dass die Veranstalter da genügend Druck machen. Denn der Beifall begeistert. Er reichte für viele Zugaben.



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