Ulrich
van Aaken

Festivals

Saale Zeitung Bad Kissingen, 28.6.1997

Drahtzieher der Klaviervirtuosen

Ulrich van Aaken betreut die Flügel und Cembali des »Kissinger Sommers«

Bad Kissingen (ta) »Das Wichtigste, und das habe ich bei Steinway in Berlin gelernt, ist, dazu sein, wenn die Künstler kommen, daß sie nicht erst nach dem Schlüssel für den Flügel suchen müssen und auch bei den Konzerten anwesend zu sein. Das gibt den Pianisten eine beruhigende Sicherheit.« Ulrich van Aaken, Klavier- und Cembalobauer, weiß, von wem er redet. Seit ein paar Jahren betreut er beim »Kissinger Sommer« die Flügel und Cembali, die bei dem Festival zum Einsatz kommen, und er kennt seine Pappenheimer: die Flügel und die, die darauf spielen.

Wie in Berlin und Köln

Ulrich van Aaken am Flügel

»Die Ausstattung mit Flügeln in Bad Kissingen kann man sich nicht besser wünschen: Vier ausgewachsene Steinway-Konzertflügel — das gibt es noch in der Berliner und in der Kölner Philharmonie.« Der neueste steht im Großen Saal; dessen Vorgänger ist jetzt der sogenannte Transportflügel, der dorthin gebracht wird, wo einer gebraucht oder zusätzlich gebraucht wird. Die beiden älteren Instrumente stehen im Kleinen Kursaal und im Weißen Saal. »Alt, aber sehr schön«, sei die übereinstimmende Meinung der Pianisten. Alter ist bei gut gepflegten Flügeln keine Schande. Sie haben im Laufe der Jahre Charakter entwickelt, und sie haben noch die weißen angenehmen Elfenbeintasten. Und sie lassen sich gut stimmen.

Daß ein Pianist oder eine Pianistin, die nach Bad Kissingen kamen, mit einem der Flügel nicht zufrieden gewesen seien, hat Ulrich van Aaken noch nicht erlebt. Im Gegenteil: »Die Leute sind begeistert, wie sie auch von der Akustik des Großen Saales begeistert sind.« Es seien eigentlich nur »die Pianisten aus der zweiten Schublade«, die durch Mäkeln am Instrument ihre eigene Unfähigkeit kaschieren wollen: »Große Könner machen in erster Linie Musik. Die können auch auf schlechten Instrumenten gestalten.«

Mit Tricks und Kniffen

Natürlich hat der eine oder andere noch Wünsche. Irwin Gage etwa wünschte sich den Flügel für den Liednachmittag mit Julie Kaufmann (heute um 16 Uhr) in der Höhe etwas brillanter. Das ist dann keine Frage der Stimmung mehr, sondern der Intonation. Da werden die Intervalle zwischen den Tönen im Diskantbereich etwas etwas gestreckt. Oder der Klaviertechniker hat die Möglichkeit, durch Glätten der filzbezogenen Hämmer den Ton zu verändern. Ins Reich der Märchen gehört die Vorstellung vom Kraftpaket, das mit seinem Anschlag einen Flügel zerlegt oder zumindest die komplette Stimmung ruiniert. »Wenn ein Flügel gut ausgestimmt ist, macht ihm ein starker Anschlag nichts aus. Viel schlimmer sind hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Als Tzimon Barto vor zwei Jahren im Luitpoldpark in der prallen Sonne spielte, konnte man bei jedem Ton hören, wie er sich verstimmte. Und nach dem Rosenball war der Flügel im Großen Saal völlig verstimmt, obwohl er überhaupt nicht benutzt worden war.« Auch der behutsame Transport mache einem guten Instrument nicht allzuviel aus. Hauptpatient ist ohnehin nicht der Flügel: »Am Anfang steht immer das leidige Hockerölen.«

Der Name Andras Schiff fällt spontan, wenn man Ulrich van Aaken nach einem beeindruckenden Künstler fragt. An ihm schätzt er die Ernsthaftigkeit der Vorbereitung und den tüftelnden Geist. Der Gegensatz ist für ihn Andrei Gavrilov: »Das ist einer von den Rauhbeinigen. Der hat den Flügel überhaupt nicht begutachtet, sondern ist aufs Podium gestürmt und hat gleich Tschaikowsky gespielt.«

»Man muß nicht Klavier spielen können, um ein Klavier zu stimmen. Und man braucht auch kein absolutes Gehör. Auch ein Stimmgerät nützt nicht viel. Entscheidend ist nicht die absolute Tonhöhe, sondern die physikalisch nie korrekte, aber dadurch lebendige Tonhöhe. Und die Behandlung der Saitenwirbel mit dem Stimmhammer«, sagt Ulrich van Aaken. Dadurch trage auch jede Stimmung eine persönliche Handschrift.

Warten auf Ugorski

Auf Anatol Ugorski freut er sich, und von den jungen Leuten schätzt er besonders Moritz Eggert und seine allürenfreie Professionalität, auch wenn dessen »Hämmerklavier«-Serie vom Standpunkt des Klaviertechnikers ein Alptraum ist: »Aber das sind Konzerte, wie sie zum Beispiel beim Mozartfest nicht möglich sind.«

Was sich Ulrich van Aaken trotz der vier Flügel noch wünscht? Einen fünften! Und zwar für den Tattersall: »Der hat so eine klare und transparente Akustik, in der sich gut spielen — und auch stimmen — läßt. Der bräuchte unbedingt ein adäquates Instrument.« Es könne doch gar nicht so schwer sein, den Andras Schiff zu Steinway zu schicken und ihn einen aussuchen zu lassen: »Der hat einen guten Geschmack.«



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