Ulrich
van Aaken

Festivals

Main-Post vom 28.5.1999

Der Mann mit der Stimmgabel

Erst Lehrer, dann Konzerttechniker, heute bildet er Blinde zum Klavierstimmen aus.

von Ursula Düring

Die Nacht ist eine gute Zeit, um Klaviere und Flügel auf die richtigen Töne vorzubereiten. Dann sind die Pianisten zur Ruhe gekommen, haben die Teilnehmer eines Wettbewerbs ihre Noten eingepackt, stellt kein Konzertveranstalter mehr Fragen. Ruhig und gelassen kann Ulrich van Aaken seine braune Umhängetasche öffnen, den Stimmhammer herausholen und sein klingendes Werk beginnen. Vor Konzerten gilt es die Mechanik zu überprüfen, gegebenenfalls neu einzustellen, und den Ton den Bedürfnissen des Interpreten und des Raumes anzupassen. Es braucht Fingerspitzengefühl, Geduld, Sensibilität und Erfahrung, schwergehende Wirbel gefügig, klemmende Pedale beweglich, hängende Tasten geläufig zu machen.

Ob das tagsüber oder nachts geschieht, das paßt Ulrich van Aaken dem Zeitplan des jeweiligen Künstlers an. Wenn das Instrument fertig intoniert ist, wenn der Tonexperte und Musikfreund seine Arbeit abgeschlossen hat, die immer wieder überprüften Einzeltöne in die harmonischen Anfangstakte einer Sonate übergehen läßt, dann könnte er eigentlich entspannt auf den folgenden Konzertgenuß warten.

Doch jedesmal, wenn »sein Kind«, nämlich die Stimmung, gefordert ist, sitzt Ulrich van Aaken mit Herzklopfen und Lampenfieber im Publikum. Denn wenn er gestimmt hat, ist er grundsätzlich auch im Konzert dabei — ein Service, der heutzutage nicht selbstverständlich ist. Interpreten wie Andras Schiff, Ivo Pogorelich, Rudolf Buchbinder, Grigori Sokolov und Sophie Mautner wußten das schon zu schätzen.

Denn Ulrich van Aaken bringt nicht nur Schüler- und Studentenklavieren, Theaterflügeln in Würzburg, Weikersheim und Umgebung die richtigen Tastentöne bei. Er ist ebenso verantwortlich für die Instrumente beim Kissinger Sommer und seit sechs Jahren auch für den Steinway, den beinahe alle Künstler bespielen, die Gäste des Würzburger Mozartfests sind.

Für das nach van Aakens Meinung professionell organisierte Traditionsfestival hat die Stadt Würzburg vor beinahe 20 Jahren das blankschwarze Instrument mit den Elfenbeintasten angeschafft. Während es in der Residenz, umrahmt von Stühlen und Podestbrettern, auf seinen großen Einsatz wartet, wirft der Techniker mit dem ausgebildeten, relativen Gehör einen ersten Blick ins besaitete Innenleben, schwärmt vom Steinway als der »Stradivari unter den Flügeln«, an dessen Konstruktion seit über 100 Jahren nichts geändert, keine Schraube auch nur einen Millimeter verschoben wurde.

Die ganz große Liebe

Manche Interpreten, weiß er zu berichten, lieben das Würzburger Exemplar mit seinem dunklen Charme, auf dem auch spätromantische Musik warm zum Klingen kommt, andere müssen sich erst daran gewöhnen. Doch bei aller Begeisterung für die akustische Konzeption eines Steinways: Die ganz große Liebe des Ulrich van Aaken gehört den historischen Tasteninstrumenten. In der Brieftasche trägt er das Foto eines weißgoldfarbenen Cembalos, gebaut nach historischem Vorbild. Immer wieder freut er sich auf die Stimmseminare, die er Cembalisten erteilt und die es den Musikern ermöglichen, selbst zu stimmen.

Wenn es van Aakens Zeit zuläßt, wird der großgewachsene Mann, selbst ein beachtlicher Pianist, demnächst sogar Cembalounterricht nehmen, denn »es ist eine eigene hohe Kunst«, dieses edle Instrument richtig spielen zu können. Die fachkundige Anleitung für richtige Spielmanieren, Improvisation, Gestaltung eigener Sequenzen holt er sich demnächst bei keinem Geringeren als dem Cembalospezialist Michael Günther.

Wie ist Ulrich van Aaken zu dem Beruf gekommen, der ihm offensichtlich Erfüllung, Ruhe und Freude bringt? Begonnen hat er als Musiklehrer der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen. Wohl fühlte er sich da nicht, Schüler und Kollegen teilten seine Begeisterung für die Musik nur bedingt. Deshalb entschloß er sich zu einer Lehre im Klavier- und Cembalobau. Einige Wanderjahre bei verschiedenen Firmen, dann Konzert- und Reisetechniker bei Steinway in Berlin — eine spannende, bewegte Zeit!

Mit der Familiengründung hieß es, seßhaft zu werden mit seiner Frau und zwei Söhnen. Da kam ein Angebot im Unterfränkischen: beim Berufsförderungswerk für Blinde in Veitshöchheim wurde ein Ausbilder gesucht, der blinde Menschen auf den Beruf des Klavierstimmers vorbereitet — die ideale Symbiose für den Pädagogen und Musiker. Diese Tätigkeit, die Arbeit mit den Kollegen, ihre professionelle Ausbildung in einem der ältesten Blindenberufe ist dem auf den ersten Blick zurückhaltenden Mann besonders ans Herz gewachsen. Das Modell einer Agentur für blinde Stimmer trägt er seit Jahren mit sich herum.



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